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Sven Regener – Wiener Strasse

Nicht nur sein rhetorischer Schreibstil ist außergewöhnlich, sondern auch sein Faible für skurrile Gestalten und deren teilweise noch schrägeren Figuren zu Zeiten des geteilten Deutschlands. Sven Regener, Autor und Kopf der deutschen Musikband Element Of Crime, veröffentlicht mit „Wiener Strasse“ seinen neuesten Roman.
Das Buch taucht einmal mehr nicht in chronologischer Reihenfolge in die Geschichte rund um Frank Lehmann und seine Umwelt, mit all ihren verschrobenen Zügen ein. Zeitlich ist der Roman im Jahr 1980 im westlichen Berlin eingeordnet. Denn auch schon zu dieser Zeit nimmt das Chaos, also quasi in Bezug auf Frank Lehmann und seine oftmals sehr speziellen Freunde und Bekannten seinen wohlverdienten Lauf.
Es geht um Selbstverwirklichung, um Kunst – und das in all ihren Facetten und Sichtweisen -, um das Ausleben von linkem Gedankengut und um irrwitzige Dialoge, deren verschachtelte Tiefgründigkeit sich dem Leser oftmals erst später im Zusammenhang mit dem weiteren Verlauf in „Wiener Strasse“ zu erschließen beginnt.
Wer sich zuvor noch nicht mit einem Buch von Sven Regener auseinander gesetzt hat, der wird ob des total unorthodoxen Schreibstils des Autors mehr als nur verblüfft sein. Denn die unendlichen Schachtelsätze, teilweise über Seiten, führen erstmal eher zu Kopfschmerzen und Verwirrung, denn dass sie wahre Freude am Lesen aufkommen lassen. Doch dieses Stilmittel setzt Sven Regener zumeist nur bei seinen Umschreibungen der Situationen ein. Man lechzt also recht schnell nach in die Erzählung eingebundenen Dialogen, um einen Pack-an an den Roman zu bekommen. Ist das aber gelungen und hat man sich an die vielen speziellen Namensgebungen der ganz abgehalfterten Figuren im damaligen Westberlin und seiner linken Szene gewöhnt, dann hat man durchaus Spaß mit P.Immel, Kacki, Erwin Kächele , H.R.Ledigt oder auch der famosen Galerie ArschArt.
Sven Regener lässt Frank Lehmann bei diesem Buch dann auch deutlich mehr Platz und Zeit mit sich alleine. Er beleuchtet die anderen Figuren rund um Herrn Lehmann etwas eindringlicher und öffnet so schon das Spektrum, um vielleicht beim nächsten Roman die Geschichte des westberlinischen Damals aus einer anderen und neuen Sicht auf interessante und einmal mehr verquere Weise zu schildern. Denn eines dürfte sicher sein: die Zeit bis zur Wende hält – gerade in Westberlin und im Dunstkreise Frank Lehmanns – definitiv noch weitere Kapriolen bereit, die der Allgemeinheit zugetragen werden müssen. Und so ist der Blick auf die „Wiener Strasse“ ein guter, wenngleich er doch hinter den tiefen und faszinierend zeitlosen Eindrücken, den die Romane „Herr Lehmann“ oder auch „Kleiner Bruder“ aufwarfen, zurück bleibt.

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