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Alte Robert Görl Tape-Aufnahmen erscheinen auf CD

Alles beginnt damit, dass etwas endet, allerdings nicht für alle Zeit. Zu Beginn der Achtzigerjahre feiern Robert Görl und Gabi Delgado in dem Duo Deutsch-Amerikanische Freundschaft (D.A.F.) ungeheure Erfolge, dann streiten sie und gehen auseinander, zum ersten Mal im Jahr 1982 und, nach dem schnell gescheiterten Versuch einer Wiedervereinigung, 1986 zum zweiten Mal und nunmehr für lange Zeit. Eine sehr schwere Episode sei das für ihn gewesen, sagt Robert Görl, er war tief enttäuscht von seinem künstlerischen Partner und Freund: Während der Arbeit an dem Album 1st Step to Heaven hätten sie sich derart entzweit, dass ihm die Lust an der Musik völlig verging.
Darum will er danach etwas anderes versuchen, er geht nach New York und studiert Schauspiel an der namhaften Schule von Stella Adler. Ein Semester lang erprobt er sich an Shakespeare und anderen Klassikern und hätte vielleicht eine Bühnenkarriere begonnen – hätte man ihn nicht eines Tages, nach einem kurzen Aufenthalt in der Heimat, bei der Einreise nach New York festgehalten und verhört: Was er in der Stadt eigentlich mache, will der Sicherheitsbeamte wissen. Er studiere Schauspiel, sagt Görl. Das sei ja interessant, sagt der Beamte. Vier Tage später hat Görl einen Bescheid in der Post: Weil er in den USA einer geregelten Ausbildung nachgehe, aber nur ein Touristenvisum besitze, habe er gegen das Einwanderungsgesetz verstoßen. Darum müsse er das Land sofort verlassen; die Wiedereinreise sei ihm während der nächsten zehn Jahre verboten.

Nun hat er also nicht nur keine Band mehr. Er kann nicht weiter studieren und darf in der Stadt, die er gerade lieben gelernt hat, nicht bleiben; aber damit fangen seine Probleme erst an. Als er nämlich wieder nach Deutschland einreisen will, wird er auch hier am Flughafen festgehalten: Die Bundeswehr, sagt der Sicherheitsbeamte, fahnde schon seit längerem nach ihm, weil er sich dem Wehrdienst entzogen habe; er dürfe das Land nun nicht mehr verlassen und müsse sich binnen weniger Tage bei der Armee melden, sonst würden ihn die Feldjäger holen. Görl überlegt ein paar Tage, dann packt er seine wenigen Habseligkeiten in einen Koffer, nimmt einen gerade gekauften neuen Synthesizer unter den Arm und steigt in den Nachtzug von München nach Paris; schlaflos und mit klopfendem Herzen wartet er auf die Grenzkontrollen, aber sie öffnen nicht einmal die Tür zu seinem Abteil. So steht er am nächsten Morgen am Gare de l’Est und geht auf die Suche nach einer billigen Bleibe; er findet schließlich eine in Levallois, einem Vorort im Pariser Nordwesten. Etwa ein Jahr lang will er dort bleiben – bis er das Alter erreicht hat, in dem man ihn nicht mehr einberufen kann. Er hat ein kleines Zimmer mit einer Kochnische und einer Waschgelegenheit. Er kennt niemanden in der Stadt und will auch niemanden kennenlernen; und selbst wenn er wollte, wäre es schwierig, weil er kein Französisch spricht.

Also sitzt Robert Görl nun allein in dieser Vorortpension und verbringt die Tage und vor allem auch Nächte damit, wieder Musik zu machen: Mit seinem neuen, damals gerade auf den Markt gekommenen Synthesizer – dem ESQ-1 von der Firma Ensoniq – kann er acht musikalische Spuren bespielen, es gibt einen eingebauten Sequenzer und tausende von vorprogrammierten Sounds. Das Gerät lässt sich fast schon wie jene Workstations nutzen, die Ende der achtziger Jahre dann die elektronische Musikproduktion vereinfachen und wesentlich verändern sollen. In der Einsamkeit des aus der Zeit gefallenen Eremiten erobert Robert Görl so die musikalische Zukunft: Nacht für Nacht versenkt er sich immer tiefer in die Möglichkeiten des Synthesizers; er komponiert und legt musikalische Schichten übereinander; er gestaltet Klänge, bearbeitet sie, und manchmal löscht er sie auch wieder; er arrangiert Rhythmen und Bässe und moduliert besonders die tiefen Töne derart, dass sie zischender und schmutziger klingen. Immer dramatischer werden die Lieder auf diese Weise und auch persönlicher: Sie sind Spiegel der Lebenskrise, in der Görl sich befindet; aber auch ein gerade noch rechtzeitig gefundenes Heilmittel gegen den Glauben, in einer misslingenden Existenz festzustecken.

Er bleibt ein halbes Jahr in der Pension in Levallois, dann kommt er noch für eine Weile bei zwei Freundinnen seiner Schwester unter, aber nach einem Dreivierteljahr in Paris hat er das Gefühl, dringend nach Hause zurück zu müssen. Und er hat Glück: Als er wieder in München ist, wird er von der Bundeswehr in Ruhe gelassen. Es geht bergauf, die Zeit in Paris hat ihm seinen Lebensmut wiedergegeben und auch die Lust an der Musik; aus den Songs, die er auf dem ESQ-1 komponiert und auf handelsüblichen Kompaktkassetten gespeichert hat, möchte er jetzt ein Pop-Album machen. Er fliegt nach London und trifft Daniel Miller, auf dessen Mute Label dereinst die ersten DAF-Platten erschienen; Miller vermittelt ihn an Dee Long, einen Progressive-Rock-Musiker, der inzwischen in einer New-Wave-Gruppe spielt. In seinem Studio im Süden Englands arbeiten Görl und Long an neuen Arrangements für die Pariser Stücke; in den Air Studios des Beatles-Produzenten George Martin soll die Musik dann eingespielt und aufgenommen werden. Bevor es soweit ist, fährt Görl noch einmal nach München und besucht in der Nähe der Stadt seinen Bruder; auf dem Heimweg verliert er auf eisglatter Straße die Kontrolle über sein Auto und prellt in hoher Geschwindigkeit gegen einen Baum.

Ein halbes Jahr verbringt er im Krankenhaus und in einer Reha-Station; mit Mühe und Not retten die Ärzte sein Leben, sein rechter Arm ist zertrümmert und muss mit stählernen Implantaten rekonstruiert werden; auch seine Beine kann er wochenlang nicht benutzen und muss das Gehen dann wieder neu lernen. Aus dem tiefen Tal der Lebenskrisen ist Robert Görl also nur kurz wieder emporgekrochen, um erneut in das Nichts zu fallen; aber diesmal zeigt ihm das Nichts sofort seine Möglichkeiten. Als er aus dem Krankenhaus entlassen wird, findet er seine Wohnung leer. Die Münchener Freunde haben nicht mit seinem Überleben gerechnet und den Besitz darum unter sich aufgeteilt, noch Jahre später wird ihm eine Frau stolz erzählen, dass sie unter seiner alten Bettdecke schläft. Aber er vermisst nichts, weder die Bettdecke noch seine sonstigen Habseligkeiten; und auch das Musizieren ist ihm gleichgültig geworden: An das Album, an dem er vor dem Unfall gearbeitet hat, denkt er in dieser Zeit nicht ein einziges Mal. Stattdessen geht er nach Thailand, um Mönch in einem buddhistischen Kloster zu werden; dreieinhalb Jahre bringt er dort herum, bis er begreift, dass er das, was er sucht, in einem Kloster nicht finden kann, sondern nur in sich selbst. So kehrt er – inzwischen schreiben wir den Sommer 1992 – nach Deutschland zurück und tanzt in Berlin auf der Love Parade zu einer Musik, die wie das Erbe von D.A.F. klingt; die nächsten Jahre wird er als Techno-DJ verbringen, aber das ist eine andere Geschichte.

Die unvollendeten Songs aus Paris, diese dramatischen, strahlenden, manchmal giftig zischenden, aber doch immer ganz zärtlich gewirkten Lieder, die Robert Görl in der Zeit seiner tiefsten Lebenskrise aufnimmt, finden sich Jahre später auf einer Kassette in einem Koffer, den er in der Scheune seines Bruders deponiert hatte. Es sind immer noch nur musikalische Skizzen, er habe nie wieder den Wunsch verspürt, ein richtiges Album daraus zu machen, sagt Görl. Es sind Skizzen – aber solche, aus denen eine ganze Zeit zu uns spricht und ein Leben, das an einem Wendepunkt steht; und das Licht, das über dem dunklen Grund der giftigen Beats schimmert, leitet uns in die Zukunft: Alles endet damit, dass etwas beginnt.

© Jens Balzer

Tracklisting:
01 Part 1
02 Part 2
03 Part 3
04 Part 4
05 Part 5
06 Part 6
07 Part 7
08 Part 8
09 Part 9
10 Part 10 (Ghost Track)

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