Alain Claude Sulzer schreibt über „Unhaltbare Zustände“

Ein paar Mal hat das sicher jeder schon erlebt – man geht eine Straße entlang, Geschäfte reihen sich aneinander, Passanten drängen vorbei, und plötzlich bleibt man staunend und gebannt vor einem Schaufenster stehen: Lockendes Licht, begehrenswerte Dinge, bezaubernde Dekorationen, weihnachtliche, österliche, sommerliche Szenen, eine verführerische andere Welt hinter Glas. Und zum Greifen nah, man muss nur den Laden betreten und die Brieftasche zücken, dann darf man das Glück nach Hause tragen.

Aber wer ist der Mensch, der diese wunderbare Welt im Fensterkasten erschafft? In Alain Claude Sulzers Roman ist es ein Dekorateur namens Stettler. Herr Stettler lebt in einer mittelgroßen Stadt und arbeitet seit Jahrzehnten als Schaufensterdekorateur für das Quatre Saisons, ein gediegenes, elegantes Kaufhaus, seit Jahrzehnten die erste Adresse am Platz. Alle zwei Monate genießt Stettler die Ohs und Ahs der Leute vor den Schaufenstern, wenn wieder ein neues Werk enthüllt wird. Für diese Momente lebt er – und doch weiß niemand von ihm, der im Hintergrund wirkt und unerkannt lebt. Es stört Stettler nicht, er mag es so. Ein Privatleben hat er nicht, seine Mutter, bei der er wohnte, ist kürzlich verstorben.

Als aber der Chef ihm einen viel jüngeren Kollegen zur Seite stellt, also eigentlich – vor die Nase setzt – verfällt Stettler ins Grübeln: Warum wurde er nicht gefragt? Ist seine Arbeit nicht mehr gut genug? Und er bemerkt, wie um ihn herum alles ins Wanken gerät, jede Ordnung zu kippen scheint. Es sind die späten 60er Jahre, und auch in der Schweiz sind die Ausläufer von 1968 zu spüren. Am Münsterturm hängt – kurz – eine Vietcong-Fahne. Studenten streiken auf Straßenbahnschienen.

Stettler will mit alldem nichts zu tun haben. Aber er spürt: Er muss sich stellen. Er beginnt, dem Rivalen nachzuspionieren, versucht Fotos von ihm mit vermeintlichen „Minderjährigen“ zu schießen, um ihn bei der Geschäftsführung anzuschwärzen. Während er noch über dem anonymen Brief brütet und bastelt – die ausgeschnittenen Buchstaben sollen unbedingt akkurat auf ein Blatt Papier passen – stellt sich heraus, dass die „Minderjährigen“ bloß Schauspielschüler waren, die sein Kollege als lebende Schaufensterpuppen engagiert hat. Das Sommerfenster seines Widersachers, mit echten Menschen in Liegestühlen und Bikinis, wird eine Sensation. Stettler kann es nicht fassen, und er sinnt auf Rache – bis hin zu einer ultimativen Grenzüberschreitung, die aber ihm selbst am meisten schadet.

Der einzige Mensch, dem Stettler sich nahe fühlt, ist Lotte Zerbst, eine Radiopianistin. Stettler schreibt ihr vorsichtige, bewundernde Briefe, und sie, die ebenfalls sehr zurückgezogen lebt, antwortet. Lottes Verschlossenheit rührt, so erfährt man, von schrecklichen Erlebnissen mit ihrem früheren Klavierlehrer, einem russischen Virtuosen. Sie lebt seitdem für ihre Konzerte im Studio und betritt nur ganz selten eine Bühne. Als sie einmal einen Auftritt in Stettlers Heimatstadt hat, wollen die beiden sich treffen. Doch es kommt anders, weil Stettler sich inzwischen zu einer unglaublichen Tat entschlossen hat …

Man spürt in jedem Moment: Stettlers Ringen ist auch ein Ringen mit der Zeit und mit dem eigenen Alter. Ihn bei seinem hilflosen, oft rührenden und schließlich erbitterten Kampf zu beobachten, ist faszinierend, manchmal tragikomisch – und irgendwann ahnt man, dass es nicht nur Herrn Stettler so geht, sondern wahrscheinlich fast jedem, der ein gewisses Alter erreicht hat. Man kommt nicht mehr ganz mit, um einen herum scheint sich alles immer schneller zu verändern. Dabei weiß man doch eigentlich am besten, wie alles zu sein hat, wie es sich bewährt hat und gefälligst auch bleiben soll. Man könnte vielleicht sagen: Ein bisschen sind wir alle Stettler.

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