Das Original Haseland Orchester liebt „Musik für selbstfahrende Autos“

Pop und Autos gehörten von Anfang an zusammen. Von den aufgemöbelten Hot Rods der 1950er über „Little Deuce Coupe“ von den Beach Boys bis hin zu Kraftwerks ikonischem Electro-Song „Autobahn“ von 1974. Der Detroiter Techno-Pionier Carl Craig vertonte Mitte der Neunziger mit dem Album „Landcruising“ gar eine Durchquerung des amerikanischen Kontinents.

„Auch meine Idee ist während der langen Autobahnfahrten entstanden, die man als Musiker so hinter sich bringt“, sagt Martin Schmeing. „Dabei kam unweigerlich der Gedanke auf, wie schön man doch seine Zeit nutzen könnte, wäre die Versprechung vom selbstfahrenden Auto bereits Realität.“ Daraus wurde ein Soundtrack für eine gar nicht mehr so ferne Zukunftstechnologie. Ein vielschichtiges Konzeptalbum mit zehn Tracks, das den popkulturellen Mythos vom „on-the-road“-Sein für die Zwanziger Jahre des 21. Jahrhundert fortschreibt. Eine Platte, auf der Gefühle genauso wichtig sind wie 5-G-gesteuerte Systeme.

Martin Schmeing nennt seinen automobilen Entwurf „Programmmusik“. Vertont hat er diesen in einem zweijährigen On/Off-Prozess mit dem Original Haseland Orchester, das seit rund zehn Jahren dem Schauspieler und Vokalisten Hardy Schwetter alias Christian Steiffen unterwegs ist. In dieser Kombination entstanden Alben wie „Arbeiter der Liebe“ (2013) oder Scores für die deutsche Filmszene. Wobei „Orchester“ natürlich eine hintersinnige Umschreibung der multiinstrumentalen Fähigkeiten des Osnabrücker Produzenten selbst ist.
Seit der Punk- und New-Wave-Ära hat Schmeing schon viele Rollen eingenommen. Quasi ein ganzes Universum. Dieses überführt der Vintage-Orgel-Sammler und Studiotüftler mit Kompositionen wie „Seltsame Fahrt durch die Nacht“ oder „Wanderbaustelle“ in eine eigene Kunstform. „Brian Eno hat sich um Flughafen-Sounds gekümmert, ich übernehme mit diesem Album jetzt eben die autonomen Autos“, sagt er mit einem Lächeln.

Dabei spielt das Haseland Orchester versiert die große Bandbreite der auto-musikalischen Traditionen und Bezüge aus. Es ist ein Elektro-Album, doch das Digitale wird analog intoniert. Und umgekehrt. Man fühlt sich von der Technik abgeholt, wie einst von der Weltraum-Atmo der Comic-Familiensaga „The Jetsons“.

Direkt im Auftaktsong „Discodriving To The Beach“ spielen die Beats Ping-Pong mit Dancefloor-Pionier Giorgio Moroder. Eine beswingte Atmosphäre, aufgeladen durch eine lasziv-lässige Vocoder-Stimme. Auch mit selbstfahrenden Autos düsen wir an den Strand. Es folgt ein Temperaturwechsel zur „Seltsamen Fahrt durch die Nacht“. Eine Fingerübung an der analogen Orgel, die gleichwohl für den retro-futuristischen Charakter des Albums steht. Das Original Haseland Orchester wird dabei zu einem Fernfahrer zwischen den Welten. Zwischen Daft Punk und Trap, zwischen der elektronischen Fläche „Ladestation“ und der Piano-Meditation „Halbschlaf“. Das Orchester gleitet versiert durch den Genre-Kosmos und findet seinen eigenen Swing. Es prophezeit eine versöhnlich heitere Autozukunft, die in „Wanderbaustelle“ im Shuffle-Rhythmus an eine funky Avantgarde andockt.

Das Orchester macht uns das Warten auf die Realität des autonomen Autofahrens so angenehm wie möglich. Über allem schwebt die Frage „Wie es wohl werden wird?“ Etwa wie im schmeichelnden Song „I drive you home“, wo die weibliche Autostimme zur Freundin und Geliebten wird? Sirenenklänge unserer Tage. Maschinen als emotionale Helferlein, auch im Pop-Universum eine ewig lockende Versprechung. „Im echten Leben bin ich am nächsten herangekommen an dieses Gefühl durch ein unverhofftes Upgrading beim Autoverleiher“, erzählt er. „Wir bekamen einen Audi A8, der sich nicht nur auf der Fahrt auf der Autobahn weitgehend selbst managen kann. Die Hand muss zwar am Lenkrad bleiben; doch man kann sich vorstellen, wie das werden könnte…“ Bis es soweit ist, leisten die Sounds des Original Haseland Orchester auf wunderschöne Weise Starthilfe.

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