Soundtrack zum Musical „Ku’Damm 56“ erschienen

Vorhang auf für „Ku’damm 56 – Das Musical“! Wenigen modernen Musiktheater-Stücken wird momentan mit derart großer Vorfreude entgegengefiebert wie dieser neudimensionierten Geschichte über die Schöllack-Frauen. Deren Schicksale wurden bekanntlich in Form des ZDF-Events „Ku’damm 56“, einer UFA Fiction Produktion, zu einem der erfolgreichsten deutschen TV-Events aller Zeiten und wurde von Millionen Menschen begeistert verfolgt. Aber warum gelang es Annette Hess, der mehrfachen Grimme-Preisträgerin und Autorin der Serie überhaupt, mit einer Story über vier Frauen, die Mitte der 1950er-Jahre spielt, heute, in der modernen Zeit, zu begeistern? Ganz einfach: Wie kaum einem anderen TV-Event gelang es „Ku’damm 56“ spielerisch und äußerst unterhaltsam, einen Diskurs zwischen den Generationen anzuregen! Teenager legten ihre Smartphones beiseite, fragten keine Suchmaschinen, sondern ihre Großeltern, wie das Lebensgefühl damals, zwischen Wirtschaftswunder-Aufbruch und dem Mief der Nachkriegsjahre war. Sie bekamen unterschiedliche Antworten, denen zwei Tugenden gemeinsam waren – Mut zum selbstbestimmten Leben und der lustvolle Kampf um die freie, die erste und die späte Liebe. Die Geschichte enthält, kurzum, Themen, die heute nicht minder unter den Fräulein- und Jungmann-Nägeln brennen als damals. Schnell wurde klar, dass dieser zeitlos-zeitspezifische Stoff nach einer Musical-Bühnenversion verlangte, denn die Musik spielte der Befreiung von unterdrückten Gefühlen stets zu.

An diesem Punkt der „Ku’damm 56 – Das Musical“-Entstehungsgeschichte betreten zwei ausgewiesen erfolgreiche Pop-Künstler das Geschehen: Peter Plate und Ulf-Leo Sommer. Das Komponisten-Gespann schreibt seit beinahe 30 Jahren große Pop-Hits, die so farbenfroh, anspruchsvoll, eingängig und vielfältig klingen wie musikgewordene Mandalas – immer der bildhaften Vorstellungskraft zugewandt. Sie waren bislang unter anderem, aber bei weitem nicht nur, für den Feenstaub in bedeutenden Songattraktionen von Rosenstolz, Sarah Connor, 2raumwohnung, Max Raabe, Annett Louisan, Helene Fischer und den „Bibi und Tina“-Soundtracks verantwortlich. Dauernd im kreativen Entdeckungskurs begriffen, musste Annette Hess die beiden nicht lange um Zusammenarbeit in der Konzeption zu „Ku’damm 56 – Das Musical“ bitten. In enger Kooperation zwischen der Drehbuchautorin und dem Duo entstand das atemberaubend-vielfältige, satte 18 neue Songs umfassende Album „Ku’damm 56 – Das Musical“. Musik, Texte und Storyline befruchteten sich während der Produktionsphase der Platte permanent gegenseitig. Die Lieder erzählen als integraler Teil der Musical-Bühnenversion die Geschichte einer Reise. Es ist die Reise Monika Schöllacks von der selbstzweifelnden, selbstkritischen Raupe, die es weder anderen noch sich selbst recht machen kann, zum bunten, vor Glückgefühl tanzenden und selbstgnädigen Schmetterling. In Zeiten von Selbstoptimierer*innen appelliert „Ku’damm 56 – Das Musical“ eben auch, quasi en passant, ans Entdecken und Umarmen individueller Eigenheiten. Monika Schöllack schafft im Handumdrehen Identifikation mit ihrem Charakter, der Mut zum Anderssein macht.

Die Original-Besetzung des Musicals, dessen Premiere am 28. November 2021 im Berliner Stage Theater des Westens über die Bühne gehen wird, stand während der Album-Aufnahmen mit überschäumendem Enthusiasmus vor Plates und Sommers Studiomikrofonen. Aus gutem Grund: Jede und Jeder, ganz gleich ob Bühnenakteurinnen, Macherinnen hinter den Kulissen oder Zuschauer*innen, findet sich und die eigene Lebensgeschichte in „Ku’damm 56 – Das Musical“ wieder. In der Reihenfolge zusammengestellt, wie sie auch im Bühnenspektakel der feinjustierten Dramaturgie zuarbeiten, sorgen die 18 Songs des Albums für ein packendes, schillerndes Narrativ. Den Anfang macht die Figur des Freddy (dargestellt und gesungen von David Jakobs), der zu tanzreizendem Rock’n’Roll-Groove und Pop-Sound das „Kuckucksei im fremden Nest“, die Antiheldin „Monika“ in den Mittelpunkt des Geschehens singt. Im humorvoll arrangierten, Honky-Tonk-Piano getriebenen „Liebes Universum“ hat Monika (Sandra Leitner) ihren ersten großen Auftritt, in dem sie feststellt, dass sie praktisch nichts kann, noch nicht mal klimpern mit den Wimpern. Zum feurigen Latin-Pop von „Das kann nur die Rumba“, steigt die jüngste Schöllack-Tochter Eva (Isabel Walsgott) ins Geschehen ein. Sie ist eine berechnende Nudel, die den körperlichen Freuden, über die sie singt, bereits gefrönt haben könnte. Eine melodramatische Solo-Geige führt „Zügellos“, den Song an, der mit weniger feiner Sprache versehen, glatt als Rap-Stück durchgehen würde – mit allen frauenverachtenden Klischees, die scheinbar dazugehören müssen. Der Waffen-Industrielle Otto Franck (Rudi Reschke) gibt darin den widerwärtigen Vergewaltigungs-Rechtfertiger, der das absurde, frühreligiöse Bild der Frau als Sünderin hochhält. Im popverknallten „Berlin Berlin“ setzt Freddy der „heißen Braut“ an der Spree ein ambivalentes Denkmal, denn die Stadt ist aufregend und grausam zugleich.

Im Gitarren-Pop-Song singt Joachim Franck (David Nádvornik), Sohn des Kriegsgeräte-Händlers Otto Franck, resolut: „Ich will nicht werden wie mein Vater“. Nachdem er Monika Schöllack vergewaltige, packt ihn das schlechte Gewissen. Die beinahe heimatfilm-artige Ballade „Ich lass nicht zu, lässt du dich geh’n“, zu der die strenge Mutter Caterina Schöllack (Elisabeth Ebner) auf den Plan tritt, wird mit einem melancholischen Trompetensolo eingeleitet. Die Botschaft an ihre Tochter Monika ist so bitter wie klar: Mädchen, reiß dich zusammen, vergewaltigt wurden alle Frauen schon. Wasche dich und vergiss! Mit der vermeintlichen Heile-Welt-Popnummer „Alles wird gut“, gesungen Helga (Tamara Pascual), der Dritten im Schöllack-Töchter-Bunde, wird die erste Hälfte von „Ku’damm 56 – Das Musical“ beschlossen. Unheil verkündet die Pop-Ballade „Herzlichen Glückwunsch“, mit der der zweite Teil beginnt. Erstmals tritt darin Wolfgang von Boost (Dennis Hupka), der Ehemann von Helga Schöllack, vors Mikro. Plötzlich läuft alles schief, das Bild der heilen Welt bekommt Brüche, denn der aufstrebende Staatsanwalt verheimlicht seine Männerliebe. Jetzt geht es Schlag auf Schlag Richtung Farbebekennen, Demaskierung, Selbstakzeptanz und Rebellion. Im warmen Kaminzimmer-Pop-Song „Wenn du dich auflöst“ setzt Monika zur beherzten Selbstreflexion an, die garantiert kein Auge trocken lassen wird. Damit steuert sie dem Höhepunkt entgegen: Der schwelgerisch, streicherintensiven, von Breitwand-Gefühl getragenen Ballade „Ich tanz allein“. Monika ist selbstständig, erwachsen geworden, weil sie ihre verrückten, andersartigen Seiten akzeptiert hat. „Ku’damm 56 – Das Musical“ ist vor allem ihre Geschichte. Aber sie könnte auch unser aller Geschichte sein. Musikalisch und textlich meisterhaft-sensibel, witzig-frech und einnehmend gefühlvoll von Peter Plate und Ulf-Leo Sommer in Szene gesetzt.

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